Beyoncé – Lemonade (Review)

Aus dem Nichts Alben zu veröffentlichen, scheint bei Frau Carter-Knowles mittlerweile die neue Promophase zu sein. Und auch wenn die Veröffentlichung mitsamt HBO Video mal wieder als Gesamtkunstwerk gedacht ist, Bey bringt das Album als Album back.

Beyoncé – LEMONADE (Extended Trailer)

Wir lassen das Video hier mal Video sein und konzentrieren uns auf die Musik, denn die hat es durchaus in sich. Auch wenn weniger fach- und sachkundige Redakteure etablierter Medien sich leider nur auf „Jay Z this, Jay Z that“ stürzen, als wären solche Themen noch nie im RnB und Pop besprochen worden, hat „Lemonade“ einiges mehr zu bieten als das angebliche Mimimi einer gehörnten Frau.

Zum einen ist, wenn man sich Beyoncés Backkatalog inkl. Destinys Child anschaut, das Thema weiblicher Selbstermächtigung in allen Lebenslagen ein immer wiederkehrendes Motiv ihres Schaffens. Und zum anderen beherrscht kaum eine Sängerin zur Zeit das Spiel mit allen möglichen verschiedenen Rollen so perfekt, so überzeugend und gleichzeitig so distanziert wie B. Klingt das Album persönlich? Auf jeden Fall. Aber erfährt man wirklich etwas über Beyoncé und ihr Leiden als betrogene Frau? Nein. Aber es gibt Anspielungen, zahlreiche, die zwar durchaus so interpretiert werden können, aber das ist eben das was sie macht: Sie spielt. Mit dem Hörer, mit den Kritikern, mit der Musik an sich.

Und genau das ist der Punkt, der bei all dem „OMG ER HAT SIE BETROGEN“ Skandalismus leider völlig untergeht. Denn musikalisch ist das Album ein Querschnitt durch genuin (Afro-)Amerikanische Musikgeschichte und gleichzeitig ein Zeugnis der musikalischen Sozialisation Beyoncés: „My Daddy Alabama, Mama Louisiana. You mix that Negro with that Creole make a texas bama“ („Formation“) sagt dann recht eindeutig wo es hingeht: Nord- und Südstaaten, der alte Bruch der USA – musikalisch vereint.

Da wird der von The Weeknd (auf „6 Inch“ gleich selber als Gast vertreten) und Frank Ocean gesponnene Faden von kontemporären RnB dankbar aufgenommen und weitergesponnen („Pray if you catch me“, „Love Drought“) oder direkt klassisch nur mit Piano Untermalung gesungen („Sandcastles“), auf Roots-Reggae Basis wird tatsächlich Material für den Gossip geliefert („Hold Up“), Jack White schaut auf eine Runde Bluesrock vorbei („Don´t hurt yourself“) oder es gibt direkt ne Country Nummer mit Brass Section und Waffengewalt („Daddy Lessons“).

Mit „All Night“ findet sich auch eine waschechte Soulnummer, die so aus dem Daptones Lager stammen könnte minus den stellenweisen Trapflow, der aber so verdammt lässig daherkommt, dass man sich direkt ein Rapalbum wünschen könnte. Mit Edelkehlchen James Blake fällt man langsam vorwärts („Forward“), und „Sorry“ ist dann unterm Strich auch mit Trap’n’B am besten umschrieben.

Aber über allen Songs „thront“ schließlich Freedom mit niemand geringerem als Kendrick Lamar und produziert von Just Blaze. Harte Marching Band Drums, Kirchenorgelsounds, Just Blaze typisches Spektakel als wär das hier grade 2001 und The Blueprint ist grade erschienen.

Und hier zeigt auch die ganze Ambivalenz und Doppeldeutigkeit des Albums: Natürlich ist das hier thematisch im Kontext aktueller Bürgerrechtsprobleme in den USA zu sehen, aber gleichzeitig ist es abstrakt genug um auch ausserhalb der USA als Freiheitshymne zu funktionieren. Da kulminieren HipHop, Pop, Soul, Gospel zu einem Spektakel in 4:51 Minuten wie man es das letzte Mal auch tatsächlich auf Kendricks Meisterwerk „To Pimp a Butterfly“ gehört hat und wie es auch eher recht selten ist.

Insgesamt reisst Beyoncé auf 12 Tracks in knapp über 45 Minuten kurzerhand nahezu das ganze Spektrum (Afro-)Amerikanischer Musikgeschichte runter und obwohl („Freedom“ ausgenommen) die eine Hitsingle fürs Radio fehlt, ist Lemonade das wohl Beste Album ihrer Karriere. Weil es eben das ist: Ein Album, das Geschichten erzählen will, irre vielschichtig ist und genug Platz bietet sowohl für musikhistorische Analysen als auch für Gossip, was auch jeder darin finden mag. Popmusik im besten Sinn.